Die wollen mich doch nur provozieren!

© Katrin Lübeck

… neulich in der Trainerausbildungs-Supervision! Ich erzähle euch hier über:

– Wie motiviere ich Teilnehmer, ihre Fragen einzubringen?
– Was sind Schwierige Teilnehmer?
– Die wollen mich fertigmachen!
– Störenfriede, Klugscheisser
– Die Vollpfosten Liste
– Bedürfnisse erraten, Gfk, NLP und Humor

In den NLP-Ausbildungen brauchen wir ja immer „Probleme“, die die Teilnehmer einbringen, um die wunderbaren Methoden zum Einsatz bringen zu können. Aber fragt man Menschen so ganz direkt und spontan, welches Problem sie denn haben, fällt Ihnen häufig nichts ein. Das liegt zum einen an der netten, geselligen Atmosphäre des Seminars, in der Probleme einfach nicht so gravierend erscheinen. Zum andern möchte man nicht das Gesicht verlieren, um vor den anderen gut dazustehen.
Deshalb ist es geschickt als Trainer, sich hinführende Übungen auszudenken, damit die Teilnehmer ihre Anliegen erkennen und am besten gleich ins Diskutieren kommen. Die ‚Auditiven‘ müssen ja sprechen, um denken zu können:-)
Deshalb begann ich die Supervision gestern mit Breakout-Rooms und der Aufgabe: „Was sind für mich schwierige Teilnehmer in Seminaren?“
Jeder hat da ja jemanden. Ich nenne das in meinen Seminaren die „Vollpfosten-Liste“. In Präsenzseminaren sammle ich dazu auf einem Flip-Chart alle Verhaltensweisen, die die Teilnehmer bei anderen schwierig finden. Da präsentiert sich neben dem ‚Vollpfosten‘ noch eine reiche Auswahl. Klugscheißer, Drückeberger, Laberbacken, Lügner, aufgeblasene Protze und hinterrückse Petzen machen uns das Leben zur Hölle.
Ich unterstütze die Teilnehmer dabei: “Seid jetzt nicht politisch korrekt, sondern lasst einfach mal euren Frust heraus!“
Eine solche Liste ist sehr hilfreich, denn als Trainer kann man darauf das ganze Seminar wieder zurückgreifen, besonders wenn wieder mal ‚passende Probleme’ gesucht werden. Und wenn ich beispielsweise das Thema ‚Reframing‘ authentisch veranschaulichen möchte, nehmen wir einfach den Begriff „Vollpfosten“ und fragen: „Was ist das Gute daran?“
Das löst zunächst immer Verblüffung und Ratlosigkeit aus. Was soll denn an so einem Verhalten positiv sein? Doch lässt man den Teilnehmern ein bisschen Zeit – und sich selbst auch – dann kommt man immer auf spannende Bedeutungs- oder Kontext-Reframings: Z.B.: „Schutz vor Überarbeitung und Burn out“!
Der „Vollpfosten“ sorgt nämlich gut für sich , damit man ihn oder sie nicht mit lästigen Aufgaben betraut, bei denen Verantwortung, Intelligenz oder gar Leistungswillen gefragt sind.
Das entspricht dem Energiemuster „kleines Kind“, aber dazu an anderer Stelle weiter…

Gestern, in der Trainer-Ausbildung, ging es nun darum: „Wie gehe ich als Trainer mit schwierigem Teilnehmer-Verhalten um?“ Beispielsweise ein dominanter, arrogant wirkender Kritiker (Energiemuster „aggressiver Einschüchterer“) Hier hilft uns auch wieder das Reframing, aber diesmal aus der GfK (gewaltfreie Kommunikation). Dort gibt es die Abkürzung für die vier Schritte, nämlich Schritt drei: Bedürfnisse. Die Frage lautet dann: „Welches Bedürfnis steht hinter diesem Verhalten des Teilnehmers?“ Der dominante, arrogant wirkende Kritiker möchte nämlich eigentlich nicht den Trainer in Grund und Boden rammen. Davon hätte er/sie gar nichts, obwohl das der Trainer ängstlich annimmt. Sein/ihr Bedürfnis ist, durch die provozierende Art herauszufinden, ob er/sie dem Trainer vertrauen kann. Dieser Typus Mensch möchte keine Zeit vergeuden und keinem Quacksalber aufsitzen. Deshalb möchte er/sie erst mal wissen, ob der Trainer auf seinem Posten ist, und weiß, wovon er/sie spricht. Die herablassende Art verdeckt die unbewusste innere Unsicherheit und soll den Trainer ebenfalls in die Kraft bringen. Wie eine Art wake-up call. Führen lässt er/sie sich nur von einem echten Führer, beileibe nicht von jedem, der grad vorne steht. Hat man dem aggressiven Einschüchterer jedoch ein paar mal richtig Paroli gegeben und bewiesen, dass man den Stoff beherrscht und auch die Lage, entspannt er/sie sich und wird sogar häufig zu einem der größten Fans!

Um jetzt in der konkreten Situation einerseits die Kritik des Teilnehmers zu pacen und gleichzeitig der Gruppe zu signalisieren, dass man HerrIn der Lage ist, empfehle ich den ‚provokativen Stil‘. An dieser Stelle die Technik: ‚Ich gebe dir mehr recht, als dir lieb ist.‘ Also würde ich dem Teilnehmer sagen: „Ich finde es super, dass Sie so hohe Erwartungen an das Seminar und mich als Trainerin haben. Das zeigt, dass Sie mit voller Aufmerksamkeit dabei sind und wird die Qualität des Seminars enorm nach vorne bringen. Was würden Sie vorschlagen, was ist der nächste Schritt, den wir jetzt gehen sollten?“ Aggressive Einschüchterer mögen es nämlich überhaupt nicht, wenn man den Spieß umdreht, und von ihnen Antworten erwartet. Dann müssen sie aus ihrer Kritiker-Rolle herauskommen und Verantwortung übernehmen. Meist reichen ein oder zwei solcher Kommentare schon, um sie in die Schranken zu weisen und ihnen paradoxerweise das Gefühl von Sicherheit zu geben. Das ist der Unterschied zwischen: sich angegriffen fühlen und persönlicher Betroffenheit des Trainers oder Bedürfnisse erraten und professionell erfüllen.

Gestern kam dann noch die Frage auf, was man mit einem Reinredner mache, dem zu jedem Punkt etwas einfällt und der das dann auch ausführlich darstellen möchte, wodurch der Trainer mit seinem Stoff in Verzug gerät.
Hier muss man sich als TrainerIn natürlich erst mal fragen: warum regt mich das überhaupt so auf? Denn in erster Linie hat es natürlich immer mit mir selbst zu tun. John Grinder, einer der Begründer des NLP, sagte: Was sind die 3 wichtigsten Regeln für einen Trainer? „1. Achten Sie auf ihren eigenen inneren Zustand. 2. Achten Sie auf ihren eigenen inneren Zustand! 3. Achten Sie auf den Zustand der Gruppe!
Das ist einfach das Gesetz der Resonanz, oder auch: „Wie es in den Wald schallt, so schallt es zurück!
Insofern sind natürlich die Vollpfosten jeweils unser Spiegelbild und stellen unseren Blinden Fleck da, aber das ist wieder ein anderes Thema…
So, was habe ich also dem Teilnehmer geraten? Wir machen dann erst immer ein Rollenspiel, in dem er mir im Stile des Teilnehmers ‚reinzureden’ begann.
Er begann loszusprudeln und anekdotisch zu erzählen…
Die Frage war nun: Welches Bedürfnis könnte so ein Reinredner haben? Da gilt es erst zu klären, ob wir es mit einem kleinen Kind zu tun haben, dessen Bedürfnis ist, gesehen zu werden und Aufmerksamkeit zu bekommen. Dazu muss der Trainer den Teilnehmer immer mal wieder freundlich anschauen, ihn/sie loben, und bei anderen Gelegenheiten kurz seinen Rat einholen oder ihm/ihr Gelegenheit geben, sich vor der Gruppe gut darzustellen. Dann ist das Bedürfnis nach ‚Gesehen werden‘ erfüllt, und dieser Mensch kann dir einfach zuhören.
Ist es jedoch ein ‚fürsorglicher Besserwisser‘, so möchte er/sie aktiv beitragen zum Gelingen des Ganzen und merkt gar nicht, wie viel Seminar-Zeit er/sie vergeudet.
Diese Menschen muss man loben und ihnen Gelegenheit geben, ihr Wissen einzubringen. Im Onlinetraining können alle alles in den Chat schreiben, super praktisch und zeitsparend! Im Präsenzseminar gibt man dem die Teilnehmer die Gelegenheit, einen Artikel zu nennen, ein Buch zu zeigen, oder seine Tipps in die WhatsApp Gruppe oder auf eine Liste, auf das Flip-Chart zu schreiben, so dass er/sie mit seinem/ihrem Wissen gesehen und wertgeschätzt wird.

Nach meiner Erfahrung hilft in solchen Fällen dem Trainer am besten eine Kombi aus: provokativem Stil, Empathie, gewaltfreier Kommunikation und innere Gelassenheit. Da mich ja nur Teilnehmer-Verhalten nervt, dass ich mir selbst verkneife(!), ist es immer wieder notwendig, mich selbst ins Gleichgewicht zu bringen und mich selbst zu beruhigen. Die Projektion meiner inneren Nöte auf den Teilnehmer und die Gruppe stammt vom aufgebrachten Ego und führt mich zu inneren Dialogen und weg von der konkreten Situation im Hier und Jetzt. Der Hamster in mir kreiert eine Befürchtung nach der anderen.
Es gibt dazu auch ein schönes NLP Format: „Ressourcen schicken“, was ähnlich wie das Ho’ oponopono“ Verfahren der Hawaiianer für innere Entspannung sorgt.
Bei diesem Format sende ich dem schwierigen Menschen, der als interne Repräsentation vor mir steht, VAKOG- Ressourcen, eine nach dem anderen und erlebe, wie dieser Mensch sich entspannt, weil alle seine Bedürfnisse erfüllt sind und er glücklich ist. Er fängt in meiner Vorstellung an zu lächeln, zu schmunzeln und zu genießen und das Schöne ist: meine Spiegelneuronen machen das sofort nach und auch ich fange an, mich zu entspannen. auf einmal sehe ich nette und freundliche und sympathische Seiten an dem ‚Vollpfosten‘, die ich vorher überhaupt nicht wahrgenommen habe, weil ich selber auf Krawall gebürstet war.
Aus der inneren Gelassenheit gelingt es mir dann leicht, die Situation wieder in den Griff zu bekommen.

Dann kommt natürlich von den Teilnehmern immer die Frage: „Und warum soll immer ich dem anderen nette Sachen schicken, wo der mich doch provozieren will?“
Dann sage ich: „Es geht ja nicht um den anderen, sondern das Problem entsteht ja in dir selbst.
Dazu passt die folgende Geschichte:

Wann endet die Nacht?

Ein weiser Rabbi stellte seinen Schülern einmal die folgende Frage: “Wie bestimmt man die Stunde, in der die Nacht endet und der Tag beginnt?” Einer der Schüler antwortete: “Vielleicht ist es der Moment, in dem man einen Hund von einem Schaf unterscheiden kann?” Der Rabbi schüttelte den Kopf. “Oder vielleicht dann, wenn man von weitem einen Dattel- von einem Feigenbaum unterscheiden kann?” Der Rabbi schüttelte wieder den Kopf.  “Aber wann ist es dann?”
Der Rabbi antwortete: “Es ist dann, wenn Ihr in das Gesicht eines beliebigen Menschen schaut und dort Eure Schwester oder Euren Bruder erkennt.”
Nach einer jüdischen Erzählung, leicht geändert, gefunden in: Life-Leadership® von Lothar J. Seiwert

Wenn du in die Augen des anderen blickst, und erkennst darin deinen Mitmenschen mit seinen/ihren legitimen Bedürfnissen, enden alle Probleme mit dem Verhalten anderer!

Die TeilnehmerInnen waren von diesen Hinweisen sehr angetan, konnten für sich viel mitnehmen und waren am Ende satt und zufrieden!😀